EyeBizz September/October 2013 Issue
inteview with HAPTER

You can read the original article here EB_Eyeliner_13-5 ERIC BALZAN AND MIRKO FORTI kennen sich seit ihrer Kindheit. Und seit vielen Jahren arbeiten beide in der Brillenindustrie – zwar in verschiedenen Unternehmen und mit sehr unterschiedlichen Aufgaben, aber nie so weit voneinander weg, dass sie sich aus den Augen verloren hätten. „Wir haben eine gemeinsame Leidenschaft für Brillen und Design“, sagt Eric Balzan, der zwar italienischer Staatsbürger ist, aber in Meersburg am Bodensee geboren wurde. Mirko Forti war lange Zeit mit dem Entwerfen von Brillen für große Brillenhersteller befasst, während Eric Balzan sich unterschiedlichsten Aufgaben im Kreativ- und Produktmanagement der Branche widmete. Das ist eigentlich die ideale Voraussetzung für den Erhalt einer Freundschaft, in der die Gesprächsthemen nie ausgehen: Die Brille war beiden immer nah genug, um jederzeit ein verbindendes Thema zu sein – aber ihre Aufgaben waren gleichzeitig so weit voneinander entfernt, dass keine Konkurrenz unter Freunden entstehen konnte. Immer wieder drehten sich ihre Gespräche und Diskussionen um das Design und die Herstellung von Brillen. Um das, was andere taten und was sie selbst anders machen würden, wenn sie ein eigenes Unternehmen und eigene Brillenkollektionen hätten. Aber dann machten sie immer wieder ein Schritt zurück: „Wir sind beide Perfektionisten und wollten unsere durchaus erfolgreichen Karrieren einfach nicht für die die Ungewissheit einer weiteren mee-too-Brillenkollektion auf’s Spiel setzen, so schön sie auch hätte sein können“, erinnert sich Mirko Forti. Doch dann gab es eine schicksalhafte Begegnung, die alles veränderte: 2009 fanden die beiden während einer Bergwanderung in den Dolomiten eine alte Militär-Gletscherbrille aus dem zweiten Weltkrieg. Die meisten anderen Wanderer hätten sie vermutlich liegenlassen oder höchstens als skurriles Fundstück mit nach Hause genommen. Für die beiden Brillen-Profis war dieser Fund dagegen ein Zeichen, ein Anfang und mit seiner ganz besonderen Textur und Haptik eine Inspiration für eine kleine, eigene Brillenkollektion, die ganz anders werden sollte als alles, worüber sie bisher diskutiert hatten. Stoff und Gewebe sollten eine tragende Rolle spielen. „Diese Brille war viele Jahre lang begraben von der Zeit und vom Schnee“, erzählt Eric Balzan beinahe etwas melancholisch, „aber dank ihres praktischen und funktionalen Designs und ihrer Herstellungsqualität war sie selbst nach vielen Jahren noch vollkommen intakt. Wenn man sie in die Hand nimmt, fühlt man auch heute noch das beruhigende Gefühl der Sicherheit, das ihr Besitzer empfunden haben muss, wenn er sich angesichts der extremen Licht- und Wetterbedingungen in den Bergen auf sie verlassen musste.“ Keine Frage: Dieser unscheinbare Gebrauchsgegenstand erzählte eine Geschichte, die das Leben seiner beiden Finder veränderte. Aber zunächst folgten drei lange Jahre, in denen in der heimischen Garage Versuche angestellt und Prototypen entwickelt, gebaut, verändert und wieder verworfen wurden. Denn gerade bei der Umsetzung ungewöhnlicher Vorhaben stellt sich immer wieder heraus, dass der Unterschied zwischen einer Idee und einem marktfähigen Produkt riesig sein kann – einfach, weil der Teufel oft im Detail steckt.  Die Realisierung der zentralen Produkt-Idee war jedenfalls ungleich schwieriger als sie sich anhört: Man verklebt ein Baumwollgewebe im Vintage-Look flächig auf hochelastischem, medizinischem Stahlblech, schneidet daraus Brillen, verzichtet auf klassische Brillenbauteile wie Scharniere und Schließblöcke – und bekommt am Ende einzigartige Brillenfassungen, die gerade einmal 12 Gramm wiegen und allein durch Federspannung am Kopf halten. Ein Schlüsselerlebnis war 2011 die Begegnung mit Nino Cerutti, dem Leiter von „Lanificio F.lli Cerruti“ aus dem Cadore-Tal in den Dolomiten während einer Textil-Messe in Mailand. Cerrutti begeisterte sich sofort für die Prototypen, die die beiden Unternehmensgründer ihm vorlegten, weil sie – so seine Worte – „die Emotionen des Gewebes respektierten“. Er stellte ihnen die Infrastruktur seiner traditionsreichen Manufaktur und sein Archiv zur Verfügung. Dort verliebten sich Balzan und Forti in die Stoffe, die Lanificio zwischen 1920 und 1940 gewoben und gefärbt hatte, um Uniformen und andere textile Ausrüstungsgegenstände für das italienische Militär herzustellen. Transponiert auf moderne Stoffe aus 100% Baumwolle waren sie bald darauf das perfekte Material für die erste Brillenkollektion mit dem sperrigen Namen „txtl001“; eine Hommage an den Brillenfund in den Dolomiten. Schon beim Betreten der alten Textilmanufaktur atmet man den Duft und die Geschichte der legendären Fabrik, man hört ihre Geräusche und bekommt ein Gefühl dafür, wie italienische Tradition und Handwerkskunst in Stoffe gewebt werden. In den Archiven des Unternehmens befinden sich in unzähligen Regalen sorgsam geordnete und gesammelte Stoffmuster aus der Vergangenheit, die die Geschichte der Firma konservieren und eine konstante Inspiration für ihre Zukunft sind – wenn man sie richtig zu lesen weiß. Die Brillenmacher wussten jedenfalls, dass sie hier auf dem richtigen Weg waren – einfach, weil die Textil-Experten genauso leidenschaftlich zu Werke gingen wie sie selbst. Unzählige Versuche waren nötig, bis die Formen und die gedeckten Farben passten und die Verklebung des tragenden Stahls mit der textilen Haut sowie deren anschließende Imprägnierung funktionierten. Und ja: Bis auch die Haptik stimmte. Diese war sogar namensgebend, denn es geht den beiden kreativen Brillenmachern nicht nur um den vordergründigen Look, sondern auch um die zusätzliche Dimension des Tastsinns, das Begreifen von Dingen durch Berührung. „Die Haptik kommt bei vielen Brillen heute eigentlich zu kurz; deshalb soll Hapter ein Beitrag zur Wiederbelebung und Rückeroberung dieses Sinnes sein. Gerade, weil um Brillen und das Sehen geht, wollen wir Menschen dafür sensibilisieren, die Welt auch wieder ein bisschen mit geschlossenen Augen zu sehen, ohne die ständige visuell-kulturelle Konditionierung, die unsere Gesellschaft prägt“, erklärt Mirko Forti. „WIR WOLLEN MENSCHEN DAFÜR SENSIBILISIEREN, DIE WELT AUCH WIEDER EIN BISSCHEN MIT GESCHLOSSENEN AUGEN ZU SEHEN“ Wer zum ersten Mal ein Hapter-Modell in die Hand nimmt, weiß, was er damit meint – und staunt, wie robust die filigranen Modelle eigentlich sind. Auch das Brillenetui, in dem jede Hapter-Brille geliefert wird und bei Nichtbenutzung aufbewahrt werden soll, erfüllt diesen Anspruch – und hat ebenfalls ein klassisches Vorbild: Solche Rollen dienten bereits beim Militär dafür, persönliche Gegenstände geschützt zu verpacken und zu transportieren. Nach fast vier Jahren der Erprobung und Entwicklung ist das Ergebnis eine Brillenkollektion, deren Modelle einfach und sehr natürlich aussehen, obwohl ihre Herstellung überaus kompliziert ist. Aber genau das ist nach Überzeugung ihrer Macher das eigentliche Geheimnis aller Meisterwerke; egal, ob es sich dabei um Accessoires, Design-Produkte oder Kunst handelt. Einfaches ist keine Herausforderung. „Als Handwerker des 21. Jahrhunderts sehen wir Handwerk und Technologie gleichberechtigt nebeneinander; am Ende steht ein Produkt aus sinnlicher Handwerkskunst und industrieller Attraktivität“, sagen Eric Balzan und Mirko Forti. Und sind erkennbar stolz darauf, dass ihre Brillen komplett in Italien produziert werden – als gelungene Kombination aus traditioneller Herstellung, zeitgenössischer Kreativität und der industriellen Ressourcen ihrer Heimat. //